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Landesrat
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Dr. Herwig Kainz
Generalsekretär ÖGV

HALT! GEWALT! ist eine Initiative - neben Bewusstheit und Achtsamkeit - auch und insbesondere zur Selbsthilfe!
Herwig Kainz

Wenn an einem Juliabend der Saal des Österreichischen Gewerbevereins zum Bersten voll war, dann lag dies nicht alleine an der Anwesenheit von drei Ministerinnen auf dem Podium (Gastinger, Prokop, Rauch-Kalat), der Grund war viel mehr das Thema: HALT! GEWALT!

Als besonders wichtig wurden - na typisch Mann - jene Beiträge von mir aufgenommen, die die Selbsthilfe gegen Gewalt in den Vordergrund stellten.
Und davon gibt es seitens der Politik ein umfangreiches Angebot.

Dieser Ansatz löst sich etwas von der landläufigen Meinung: Weil das Opfer arglos und unschuldig ist, liegen alle Verwerflichkeit, niederen Beweggründe und Ruchlosigkeit beim anderen. Gut und böse, rein und befleckt sind fortan klar geschieden und in festen Rollen verteilt. Die Möglichkeit dilemmatischer Handlungssituationen oder gar Tragik, der Umstand, dass auch wer nichts tut, als Zuschauer oder Unterlassungstäter schuldig werden kann, ja dass Schuldbereitschaft ein Merkmal persönlicher Reife sein kann - all das wird kognitiv abgespalten und im nie versiegenden Wortschwall der Empörung zuverlässig ignoriert. Der Hauptzweck der Opferrhetorik besteht unter diesem Aspekt darin, sich für sich selbst und andere als jemand darzustellen, der mit den Tätern nichts, aber auch gar nichts zu tun hat.

Dem moralischen Glaubenskrieg dient auch die Vorstellung der Wehrlosigkeit.
Diese referiert jedoch nicht auf Motive und Einstellungen, sondern auf die Verteilung von Ressourcen und Machtmitteln. Der Wehrlose ist der Ohnmächtige, hilflos dem Täter Ausgelieferte. Er hat keine Chance, weil er keine Waffen der Gegenwehr hat. Freilich bleibt auch hier die strikte Grundstruktur erhalten: Der Täter ist immer schon über mächtig, das Opfer vollkommen wehrlos. Die Asymmetrie der Machtmittel ist total. Ebenso wie in der Frage der Schuld darf es auch in der Konstruktion der Machtverteilung keinerlei Unbestimmtheit, irritierende Einschränkungen oder Abstufungen geben.

Von solcher Klarheit und Eindeutigkeit sind die meisten Machtverhältnisse weit entfernt. Deshalb ist die Projizierung des Gewaltparadigmas auf alle Machtkonstellationen, die Gleichsetzung von Macht und Gewalt, kognitiv so verheerend. Abgesehen von Extremfällen absoluter Macht wie der Folter oder der Situation der Häftlinge in den Lagern sind empirische Machtfigurationen in der Regel dadurch gekennzeichnet, dass die verfügbaren Ressourcen und Machtquellen zwar ungleich verteilt, aber eben nur ungleich verteilt sind:
Nicht einer hat alle und der andere gar keine Macht, sondern einer hat mehr und der andere weniger oder andere Mittel, um dem anderen den eigenen Willen aufzuzwingen. (Auch die Gewalt ist normalerweise nur eine unter mehreren
Optionen.)

Es darf daher vorgeschlagen werden, statt von Machthabern und Unterworfenen besser von Mächtigeren und “Mindermächtigen³ zu sprechen - ein weit reichender Gedanke. Wer nämlich dem anderen an materiellen Ressourcen und Machtmitteln klar unterlegen ist, muss, um seine Interessen zu wahren, mit den ihm verfügbaren geringeren Mitteln um so sorgsamer haushalten, er muss strategischer denken, langfristig kalkulieren und plötzlich auftauchende Chancen optimal nutzen. So kann fehlende Positionsmacht unter Umständen durch exklusive Informationen kompensiert, Benachteiligung durch Intriganz ausgeglichen werden. Gerade Mindermächtigkeit züchtet Machtriecher und Raffinement. Und diese richten sich keineswegs nur gegen oben, sondern ebenso zur Seite und weiter nach unten. Im Dschungel der Organisationen gedeiht die Gemeinheit oft unten. Dies ist eine allgemeine Erfahrung der Machtforschung: Will man die Arroganz, die Borniertheit und Selbstgefälligkeit der Macht untersuchen, so muss man sich an die Machthaber halten; um aber die Raffinesse, die Chuzpe und Hinterfotzigkeit der Macht zu erforschen, ist es sinnvoll, die Abhängigen und Unterlegenen, also die Mittel- und Mindermächtigen zu studieren.

Und eine weitere Beobachtung wird durch diesen Gedanken plausibel: dass nämlich gerade ein Abflachen des Machtgefälles, die Verringerung der Machtrate und ein höheres Maß an Gleichheit die Intensität der Machtkämpfe steigert. Mindermächtige wittern Morgenluft, wenn sich ihre Situation verbessert hat, die ehedem unangefochten Mächtigeren sehen sich herausgefordert und verteidigen ihre Privilegien verbissen. Auch die Zugänglichkeit der Machtquellen und die Ressourcenverteilung selbst sind stets Gegenstand des Konflikts, und der Charakter der Kämpfe ändert sich mit den Bewegungen und Turbulenzen der Figuration. Dabei können Aufstiegshoffnungen und Abstiegsängste mitunter abrupt wechseln, ja es ist gerade die Grundsituation absteigender oder Abstieg bedrohter Aufsteiger, in der die Nerven blank liegen und lange gehegte oder auch kurzfristig dramatisierte Benachteiligungsgefühle ein Ventil suchen.

Genau im Unternehmen gibt es eben nicht die Situation absoluter Machthaberei und als Gegenpol jene von totaler Machtlosigkeit. Wenn die von den drei Ministerinnen im ÖGV vorgestellten Programme greifen - und davon kann man ausgehen, dann ist schon viel gewonnen.

Macht braucht Kontrolle, ist ein Kernsatz jeder Oppositionspartei im Wahlkampf. Kommt diese Partei dann in eine Machtposition, ist der Slogan vergessen. Zu Recht, welcher Mächtige will sich denn kontrollieren lassen?

Macht braucht bei normalem Menschenverstand und Charakter aber insbesondere Selbstkontrolle. Dieser Aspekt geht all zu oft in den Diskussionen unter.
Daher ein Appell in der Machtkonstellation:
Macht allen bewusst, dass sie einmal selbst machtlos waren. Damals, als sie noch ihre Windeln unkontrolliert benetzten. Zwei Strategien haben wir damals alle unbewusst eingeschlagen:
1) Wir haben so lange wie am Spieß geschrieen, bis wir Macht bekamen. Die Windel wurde gegen eine trockene ausgetauscht.
2) Wir haben uns allmählich kontrolliert, die Windel nicht mehr einzunässen.
Damit war dieser Konflikt vorläufig einmal ausgeräumt.

Aber wie sagt doch Sir Karl Popper so schön: Alles Leben ist Problem lösen.
Und weiter: Jede Problemlösung wirft immer neue Probleme auf. Mit zunehmenden Lebensjahren seit der zitierten nassen Windel konnten und mussten wir alle unsere Fallzahlen erhöhen. Damit haben wir aber auch gelernt als “Mindermächtige³ mit diesem Faktum umzugehen. Die Frage ist eher, würdig, damit umzugehen.

Genau die vorgestellten Politprogramme zielen in diese Richtung!

Dr. Herwig Kainz
Oesterreichischer Gewerbeverein
Eschenbachgasse 11
1010 Wien

T: 01-587-36/3330
F: 01-587-01-92
E: h.kainz@gewerbeverein.at
http://www.gewerbeverein.at

 


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