Kampfsprache

Da lese ich soeben auf orf.online: Titel: „ÖVP schießt sich auf nächsten SPÖ-Mitarbeiter ein“, und erfahre vage, dass es thematisch um einen Tweet aus dem Bundespräsidentschaftswahlkampf geht, der sich auf die Körperbehinderung von Präsidentschaftskandidat Norbert Hofer bezog. Danach heißt es, „Kritik … kommt etwa von Barbara Krenn, welche die ÖVP-Liste in der Steiermark anführt. Auf Facebook schreibt die Gastronomin, die im Rollstuhl sitzt, ,Ich habe dieses Posting damals als völlig jenseitige Aussage und sehr verletzend empfunden. Dass solche Aussagen jetzt jemanden für Höheres qualifizieren, ist schwer zu verdauen.‘ “

Logischerweise recherchiere ich im Netz und finde eine gleichlautende Meldung aus „Österreich“ – und frage mich jetzt: Was ist die Henne, was ist das EI?

Das ist aber nicht mein Motiv zu diesem irenischen Kommentar zu schreiben (Irenik – der Gegenbegriff zur Polemik – sucht das Gemeinsame statt dem Trennenden), sondern mir geht es um die manipulative Verzerrung von „Kritik“ hin zu „sich einschießen“.

Wer auch immer diesen Text formuliert hat, dem (oder der?) sollte ins Bewusstsein gerufen werden, dass genau durch diese unpassende und in Richtung Waffengebrauch interpretierende Kampfformulierung eine mehrfache Leserschaftsverdummung betrieben wird: Erstens ist eine Kandidatin nicht „die ÖVP“, zweitens ist „Kritik“ kein „sich einschießen“ – oder sollen mit dieser Sprachzerstörung KritikerInnen „gezielt“ mundtot gemacht werden? – und drittens finde ich es sogar dringend nötig, Fehlverhalten anzukreiden – aber bitte in respektvollen Worten. Das gibt nämlich oft erst die Chance, sich als jemand zu zeigen, der (die) sich verändert hat. Damit meine ich nicht den bekannten Ausspruch des ehemaligen deutschen Bundeskanzlers Konrad Adenauer (1876–1967) „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern!“, sondern den Mut zu bekennen: „Ja – ich wollte witzig … etc. sein – aber es ist mir misslungen.“

Ich habe schon seinerzeit, als Wolfgang Schüssel, damals Außenminister, 1997 in Amsterdam sein legendäres „Frühstücks-Interview“ gab, in dem er Bundesbank-Chef Tietmayer als „richtige Sau“ bezeichnete (https://www.profil.at/home/im-land-fettnapfs-313177) und dann abstritt, aber von den anwesenden Journalisten bestätigt wurde, publizistisch die „Flucht nach vorn“ empfohlen: Emotional darf man sein (nur muss man an der Grenze zum Strafgesetz stoppen) – aber sich erklären und allenfalls korrigieren muss man.

Ich meine im Sinne von Irenik: Wir alle sollten uns zu einer Sprache bekennen, die darauf verzichtet, andere zu verletzen. Den Stress hingegen, den Kritik auslöst, sollten wir aushalten und prüfen: Muss ich darauf reagieren? Und wenn ja – was fördert gemeinsames Verständnis? Deswegen empfehle ich die sokratische Mäeutik (“Hebammenkunst“ – die Mutter des Philosophen Sokrates, Selbsttötung unter Zwang 399 v. Chr.,  war nämlich eine „maia“ = Hebamme!), und das bedeutet: mit klugen Formulierungen konkret nachfragen!