Jede Gewalttat hat eine Geschichte

Der Zeitablauf vom ersten Impuls – oder Gedanken – an Mord, Verletzung, Quälen oder andere Angriffe auf Leib und (auch seelisches) Leben kann unterschiedlich dauern und wird auch nicht immer „bewusst“ – also in der Sprache des „inneren Dialogs“ – wahrgenommen.

Im Affekt überflutet die Kampf- bzw. Vernichtungsenergie den Menschen (in seiner Körper-Seele-Geist-Einheit) so blitzartig und intensiv, dass sich kaum jemand beherrschen kann – außer er oder sie hat das trainiert. Beispielweise beim Erlernen einer östlichen Kampfsportart. Deswegen fordere ich seit Mitte der 1980er Jahre, dass dies in den Turnunterricht – derzeit „Bewegung und Sport“ genannt, ich finde „Leibeserziehung“ viel besser weil umfassender! – aufgenommen werden sollte.

Dann gibt es den etwas länger dauernden Aufbau dieser „feindlichen Energie“. Er ist meist mit stoßweisem Atmen und Muskelanspannungen verbunden und wäre daher synchron wahrnehm- und veränderbar, wenn man nur darauf geübt wäre, immer auch seine körperlichen Veränderungen zu registrieren und „Energie zurückzuspeisen“ (so wie man einen Gartenschlauch auf den Rollwagen zurück spult).

Dann gibt es die bewusste langdauernde Planung. Die Weltliteratur ist reich an Schilderungen von perfiden Mordkomplotten und Giftattentaten – aber auch von der Verherrlichung von Kampfstrategien in der unterschwelligen wir auch deklarierten Kriegspropaganda. Es liegt an der ethischen Überprüfung und Stellungnahme, ob man sich von diesen Formen menschlichen Verhaltens distanzieren will oder sie gutheißen oder gar nachahmen mag. Was wir heute dank der computergestützten Gehirnforschung mit naturwissenschaftlichen Methoden nachweisen können, ist wie durch das Zusehen bei „laufenden Bildern“ die gleichen Gehirnpartien aktiviert werden wie bei den tatsächlichen Akteuren; man kann also durchaus von einem unbeabsichtigten Mentaltraining sprechen.

Was aber heute zu diesen quasi „biographiehistorischen“ Abläufen dazukommt, ist der von mir so genannte Trance-Effekt: Man merkt nicht, wie das „Zusehen“ das „Mitfühlen“ in tiefere, nicht bewusste Seelenschichten abdrängt und sich dort fast zwanghaft als Phantasie einer weltfremden „Normalität“ verankert. Man denkt nicht mehr vernünftig nach sondern agiert wie ein Somnambule in einer gleichsam virtuellen Welt.

Wir alle werden unsere Wahrnehmung in diese Richtung schärfen müssen – und den respektvollen Dialog pflegen lernen, in dem man echtes Interesse am Erleben anderer hat, wirklich zuhört und darauf verzichtet, als „Besserwisser“ die anderen verändern zu wollen. Das wäre nämlich wiederum Gewalt: „Sei so, wie ich dich haben will“ und nicht so wie du bist. Man muss sich in Beziehung setzen, und das heißt, seine echten Gefühle (von Sorge, Angst, Schwäche) offenbaren und nicht gegenteilig zu überkompensieren. Veränderung geschieht dann, wenn sich der „Ent-wicklungs-bedürftige“ „aus-drücken“ kann – und dazu braucht es Vertrauen zu einem anderen, der einen im Ausnahmezustand aushält.