Intuition als Gewaltprävention

Halt! Gewalt!

Eine Journalistin hat mich zu den aktuell zugenommenen massiven sexuellen Übergriffen auf Frauen befragt – und mich dahingehend korrekt zitiert, dass ich Intuition als ein wesentliches Präventionsinstrument weiß – und hat sofort einen empörten – vermutlich deshalb auch wortverdrehenden – Leserinnenbrief mit „Warum sollen wir unsere Freiheiten einschränken?“ bekommen.

Das wurde in dem Artikel auch nicht gefordert – sondern nur, Gefahren wahrzunehmen.

Aber offensichtlich war die Schreiberin „blind“ vor Wut – und hat frei nach Paul Watzlawicks Hinweis, dass es außerhalb der Macht des „Senders“ liegt, wie der „Empfänger“ einer Botschaft  diese interpretiert, Aussagen hineinfantasiert, die nicht drin standen.

Was ich nun aber gerne aufgreifen will, ist der deutliche Wissensmangel der Schreiberin – und wahrscheinlich vieler Menschen – weswegen Intuition keine esoterische Traumtänzerei ist sondern eine wissenschaftlich nachgewiesene und nachweisbare Wahrnehmungsform, die aber leider von vielen Menschen weder genutzt noch trainiert wird.

Schon der Psychiater C. G. Jung (1875–1961) hat Intuition als gleichberechtigte Bewusstseinsform neben das körperliche Empfinden, emotionale Fühlen und kognitive Denken gestellt. Der derzeit führende Psychiater und Neurobiologe Joachim Bauer von der Universität Freiburg wird nicht müde, in seinen Büchern zu erklären, wie die sogenannten Spiegelnervenzellen erkennen helfen, was eine andere Person fühlt bzw. im Schilde führt – außer man wehrt diese Wahrnehmungen ab, beispielsweise aus Höflichkeit. Denn man muss diese Fähigkeit genauso üben, wie jedes andere Potenzial.

Der amerikanische Sicherheitsberater Gavin de Becker hat seine Erfahrungen mit Verbrechensopfern in einer generellen zeitlichen Struktur zusammen gefasst und damit nachgewiesen, dass die Überlebenden schon sehr frühzeitig „geahnt“ hatten, dass „etwas nicht stimmt“ sprich Gefahr im Anzug ist – aber aus falsch verstandenem Taktgefühl, Kooperationsbereitschaft oder auch nur Mangel an Selbstvertrauen, d. h. der eigenen Wahrnehmung zu trauen! – den späteren Tätern weitgehendsten Handlungsraum ließen. Leider ist sein an Beispielen reiches Buch Mut zur Angst („The Gift of Fear“) auf Deutsch vergriffen, deswegen habe ich es auch teilweise in meinem Buch Mut – das ultimative Lebensgefühl zitiert.

Auf die Frage, was Intuition denn sei, antworte ich oft mit Hinweisen auf den „Volksmund“: „Eine Nase haben“ bedeutet, unbewusst auf diffizile Duftmarken wie die Neurotransmitterausschüttungen anderer Personen zu reagieren (weshalb beispielsweise hochsensible Personen gerne in Distanz bleiben), was wir bei Hunden ganz normal finden … oder „das Gras wachsen hören“, was auch darin besteht, unbewusst zu registrieren, wie sich die Atmung bei jemand anderem verändert. Diese Aufmerksamkeit kann man trainieren – man muss sich nur sehr entspannen und diese Sinneskanäle bewusst öffnen. Und dann darf man sich nicht von den verbalen Gewalttäter_innen einschüchtern lassen, die wollen, dass man nicht merkt, was sie mit einem/einer machen (wollen). Daher weise ich meine Klient_innen wie auch Student_innen an der Uni immer wieder darauf hin:

Wenn jemand fragt „Misstraust du mir etwa?“, darf die Antwort durchaus „Ja!“ lauten! Wir haben ein Recht auf Misstrauen – das gehört zur Realitätssicht.

Dennoch darf Verweis auf Intuition als Selbstschutzkriterium nicht dazu führen, andere Schutzvorkehrungen zu unterlassen. So ist Intuition seit Mitte der 1990er Jahre ein Forschungsgegenstand der Krankenpflege: Weshalb geht die eine Pflegeperson ohne optisches oder akustisches Signal spontan genau dann in ein Krankenzimmer, wenn dort etwas passiert – und eine andere nicht? Was unterscheidet deren Wahrnehmungen? Meine Antwort:

Die eigenen Fantasien ernst nehmen – und nicht in falschem Sicherheitswahn als „Spinnerei“ abtun.

Wir „spinnen“ nämlich immer – an dem Geflecht unserer Wahrnehmungs- und Handlungs-Nervenzellen im Gehirn, und je dichter diese Verschaltungen sind, desto intelligenter sind wir.