Hexen und Jagd

Stefan Zweig (1881–1942), nicht nur hochangesehener Schriftsteller sondern auch promovierter Philosoph, beschrieb in „Heilung durch den Geist“ anschaulich den wechselhaften Lebensweg des Arztes und Entdeckers des „animalischen Magnetismus“ Franz Anton Mesmer (1734–1815) – vor allem die Verleumdungen und Skandalisierungen durch konkurrierende Kollegen, die den erfolgreichen Heiler aus Wien weg haben wollten. „Wer heilt, hat Recht“ sagt zwar der Volksmund, nicht aber das Spottmaul, das jenseits kritischer Überprüfungen nur selbsterhöhende Aufmerksamkeit akquirieren will.

Damit kein Missverständnis entsteht: Auch mich stören die € 95.000,–, die vom Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV) für sogenannte Energieschutzleistungen an einen selbsternannten „Bewusstseinsforscher“ (ohne gewerbliche Zulassung!) gezahlt wurden. Wenn man schon behaupteten (d. h. nicht nachgewiesenen) Kompetenzen vertraut (was wir ja alle bei jeder Dienstleistung immer wieder tun – egal ob es eine ärztliche, pädagogische, gastwirtschaftliche, modistische etc. ist … Ich erinnere mich an etliche missglückte Kleider und Hüte in den 1960er Jahren, als es noch nicht die heutige industrielle Angebotsvielfalt gab …), so ist es zumindest in großen Institutionen üblich, Honorare zu dritteln und die letzte Rate erst nach Evaluation der erbachten Leistung zu überweisen. Dass dies nicht geschehen sein soll, erstaunt mich. Allerdings erinnere ich mich auch noch, wie zu meiner Zeit als Favoritner Bezirksrätin und Landtagskandidatin der damalige Bürgermeister Leopold Gratz Rede und Antwort stehen sollte, wofür konkret seinem Freund, dem Architekten Fred Freyler, 160.000,– Schilling für „diverse Beratungen“ überwiesen worden waren.

Ich erinnere mich auch, dass in den 1990er Jahren medial bekrittelt wurde, dass irgendein Esoteriker im ORF-Zentrum Küniglberg für energetische Dienstleistungen tätig war …

Mich stört aber auch, dass Neos-Wissenschaftssprecherin Claudia Gamon unter Berufung auf den sehr umstrittenen Zoologen Richard  Dawkins, der Esoterik pseudowissenschaftliche Scharlatanerie nennt (was ihm selbst auch von etablierten Kollegen vorgeworfen wird – aber vermutlich hat Gamon weder in Wikipedia etc. nachgelesen noch ihren Bäume umarmenden Parteiobmann Strolz um dessen Sicht auf feinstoffliche Energien aus der Natur befragt), alle Minister, besonders aber Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck – Halali! – in solch eine Nähe bringen will. Vor allem stört mich aber, dass „via Twitter“ bekannt wurde, dass Ministerin Schramböck im Besitz eines ruhenden (!) Energetiker-Gewerbescheins sei (Kurier vom 27.03.2018, Seite 3). Wer „jagt“ denn da?  Und zu welchem Zweck? Um Informations-Honorar zu bekommen? Um sich bei einer Oppositions-Partei Sporen zu verdienen? Oder einfach nur aus Lust am Nadern? Oder in Hoffnung auf multiple Schadensfreude? Das ist aus meiner Sicht Blockwart-Mentalität. Ich zitiere einen Satz, den mir einmal Peter Huemer gesagt hat, als ich verleumdet wurde: Derjenige „schafft sich eben einen Popanz, damit er dann auf den hinhauen kann“.

Natürlich gibt es in vielen Bereichen sogenannte Scharlatane – solche, die es wissen aber auch solche, die es (mangels seriöser Ausbildung) noch nicht wissen. Nur: Sogar vormals anerkannte Wissenschaftler werden gelegentlich enttarnt, wie etwa der vorgebliche Arzt und Universitätsprofessor (und DDR-Spion) Leon Kaplan. Andererseits zeigen etwa die bildgebenden Verfahren in der Gehirnforschung die Realität der Wirkung von „Schwingungen“ – ich spreche in diesem Fall allerdings lieber von Neurotransmitterausschüttungen, denn diese Bezeichnung wird eher akzeptiert. Was wir aber nicht vergessen sollten: Worte sind nur Symbolisierungen von Phänomenen. Worte können heilen – sie können aber auch töten (vgl. Gary Bruno Schmid, Tod durch Vorstellung – Das Geheimnis psychogener Todesfälle). Gerade weil ich seit vielen Jahren Wirksamkeitsforschung betreibe, stört mich der verantwortungslose Umgang mit Wortgeschossen offensichtlich rein aus Jagdlust.

Skepsis darf und soll auch sein – da stimme ich auch Dawkins zu, den ich immer wieder anerkennend als Schöpfer des Neologismus Mem zitiere – aber nicht auf Kosten der persönlichen Integrität der Person. „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“ (Mt 7, 16) – also an ihrem Handeln, nicht an ihrer „Kleidung“. Die nämlich kann viele Gründe haben. Einer davon ist die Neugier, „wie sich das trägt“.