Hassreden

Halt! Gewalt!

Die körperlichen Effekte des Sprechens überschreiten die Absichten des Sprechers, betont die amerikanische Philosophin und Philologin Judith Butler in ihrem Buch „Hass spricht“ (aus 1997!), und sie würden die Frage nach dem Sprechakt selbst als einer Verbindung von körperlichen und psychischen Kräften aufwerfen. Sie zitiert auch Pierre Bourdieu, wonach Normen den Habitus des Körpers stilisieren und kultivieren – den kulturellen Stil seiner Gestik und seines Verhaltens.

Jeder Dirigent kennt seine energetische Körpermacht, Kraft zu lenken (deswegen waren ja auch Frauen so lange vom Dirigat ausgeschlossen – sie könnten zu viel „Magie“ des stummen Führens mitbekommen) und die Wirkung von Schauspieler_innen (oder auch Lehrer_innen, Pfarrer_innen und Politiker_innen) hängt auch davon ab, ob sie „über die Rampe“ – oder über den Bildschirm –  „rüber kommen“. Wer das kann, löst Begeisterung, Gefolgschaft oder aber Angst und Abwehr aus.

Eine Form, diese Angst abzuwehren, besteht darin, selbst aggressiv zu reagieren. Das wird vor allem den traditionell „friedfertigen Frauen“ anempfohlen: Lass‘ dir nichts gefallen! Sag Nein! Setz‘ eine Grenze!

Was dabei vergessen wird, ist, dass manfrau damit in einen Kampf eintritt – denn echte und daher wohltrainierte Kämpfer genießen Sparringssituationen. Sie sind sie gewohnt und ihres Sieges sicher. „Das Lachen der Täter“ nannte Klaus Theweleit sein Buch über Breivik u. a. – und sie lachen auch wirklich.

Das Fatale besteht nämlich darin, dass man mithilft, ein Klima des Hasses zu verstärken.

Das steht im Gegensatz zu der vielfachen sozialtherapeutischen Erfahrung, dass homoöpathische Heilversuche scheitern – allopathische aber nützen. Man muss Rohheit mit „Kultiviertheit in Stärke“ begegnen, und Hass mit Interesse für dessen Wurzeln.

Deswegen widerspreche ich Hans Rauscher, der heute im Standard über die von ihm „diagnostizierte“ Hasskrankheit schreibt: „… dass es dringend einer Gegenstrategie bedarf …“ – soweit stimme ich noch zu. „Diese muss einerseits vom Staat, vor allem von der Justiz kommen.“ Nicht nur, meine ich – es gibt noch andere „ staatliche Gewalten“! Und dann schreibt er: „Zugleich muss die Zivivilgesellschaft, die es ja gibt, ihre Kräfte bündeln, direkt in den sozialen Medien kontern und den Freaks nicht mehr die Hegemonie lassen.“ Das ist Kampfsprache – und so schafft man nicht Respekt und Frieden, und außerdem ist es eine Beschimpfung der Unbekannten, die ihren Unmut in unzivilisierter Form „erbrechen“.

Wenn ich gelegentlich auch online angepöbelt werde, pflege ich meinen aufsteigenden Kampfgeist zu zügeln und versuche, die Grobheiten zu filtern und in eine sozial erträgliche Form zu dolmetschen und auf diese antworte ich dann. Ich habe noch immer erstaunte und höfliche Reaktionen zurück bekommen.

Für mich ist das Friedfertigkeit – eine Fertigkeit, die man erlernen kann.