Hass begegnen

Halt! Gewalt!

Damit es kein Missverständnis gibt: Ich finde es gut, eine Meldestelle einzurichten, an der weitergeleitete Hasspostings gesichtet und allfällig strafrechtlich verfolgt werden können. Aber … aber ich erwarte mir keine Problemlösung dadurch. Zwar wäre es wichtig, statistische Daten zu erhalten, damit das Phänomen exakt beziffert und bewertet werden kann – aber werden wirklich alle, die davon betroffen sind, immer alles melden? Und nach welchen Kriterien: Wo fängt eine Aussage oder Aufforderung an, den Rahmen dessen, was ohnedies als Medieninhaltsdelikt strafbar ist, zu überschreiten? Nach der Strafrechtsreform 2016 ist die Absicht entscheidend – nur: Gedanken sind bekanntlich frei (und je gebildeter jemand ist, desto besser kann er oder sie Bosheit sprachlich elegant tarnen). Und: Der Empfänger bestimmt Inhalt und Wirkung einer Botschaft (nachzulesen bei Paul Watzlawick u. a., „Menschliche Kommunikation“).

Meine Erfahrung aus unzähligen Klientengesprächen ist leider die, dass Gerichte viele Anzeigen wegen Unerheblichkeit oder fehlender Schädigungsabsicht zurückgewiesen haben – vor allem dann, wenn es Sexualdelikte waren (Vergewaltigung, sexueller Missbrauch einer wehrlosen Person oder, besonders verwerflich!, im Zuge einer Psychotherapie) oder bei Stalking (Das habe ich sogar selbst erlebt, als eine mir unbekannte Frau tagelang mit hasserfüllten Permanentanrufen meine Telefone und damit meine Berufsausübung blockierte, denn das war die meine Lebensführung störende Untat, mit den psychischen Befindlichkeiten unbeherrschter Menschen kann ich gut umgehen.).

Ich sehe die Problematik in der Variationsbreite der Reaktionen: Wo sich die eine Person kurz „abbeutelt“, leidet eine andere tage- und wochenlang. Wenn man also „mit der Strafrechtskeule zurückschlagen“ will, sollte man entweder Ortsüblichkeit, also die „Guten Sitten“ oder die Eignung einer Gesundheitsschädigung (wie bei gezielten Schlafstörungen) in Erwägung ziehen – aber der Gesundheit der so insultierten Personen dient das nicht: Sie versteckt sich rachsüchtig hinter einer übergeordneten Autorität und entwächst nicht ihrer Machtlosigkeit. Aus dieser wächst man heraus, wenn man sich aufrichtet und selbstbehauptet: Indem man sagt, was man nicht in Ordnung findet. Wenn man direkt nachfragt, was konkret die Hassenden beabsichtigen. Ich benütze dazu die Formulierung „Inhalt OK – Form (dringend) verbesserungsbedürftig!“

Ich habe mich und meine Sichtweise  in den letzten Wochen verteidigen müssen, weil ich Böhmermanns vorgebliche Anti-Erdogan-Satire nicht lustig sondern zutiefst menschenverachtend gefunden habe, denn: Vor dem Hass liegt immer etwas Hassenswertes. Das gilt es zu beseitigen – in einer Form, die (hoffentlich) nicht ewig neue Hass-Spiralen auslöst.

Deswegen habe ich meine Internetplattform www.HaltGewalt.at für seriöse Korrespondenz geöffnet: Ich will salutogene – d. h. Gesundheit bewahrende – Sprachformen propagieren, für alle, die hier an Verbesserungen mitarbeiten wollen. Für alle, die sich nicht Donald Trump oder Dieter Bohlen zum Vorbild nehmen.