Geschlechtlichkeit

In Deutschland haben die Verfassungsrichter festgestellt, dass der dichotome Zwang, einen Menschen nach dem einen oder anderen von nur zwei Geschlechtsidentitäten einzuteilen, gegen das Grundgesetz verstößt. Umdenken ist angesagt.

In anderen Kulturen gibt es schon lange sehr wohl mehr als nur männlich oder weiblich – beispielsweise die Two-Spirit-Personen (ein neuer Name statt der früheren und als diskriminierend empfundenen Bezeichnung Berdache) in indianischen Sozietäten oder die Hijras in Indien. Manchmal sind es drei Geschlechter, manchmal sogar vier … Leider werden diese Menschen an den negativ bewerteten Rand der Gesellschaft gedrängt, welche damit auf Kreativpotenziale und Begabungen verzichtet – denn gerade im Widerstand gegen die Verständnislosen wachsen die innovative Kräfte, die eine erstarrende Gesellschaft braucht, um neue Herausforderungen zu bewältigen. (Dazu dient auch der Begriff „Diversity“ als Unternehmensleitlinie – doch der birgt auch geheime Ausbeutungsziele!)

Wie ich in meinem (vergriffenen) Buch „Sein wie Gott – Von der Macht der Heiler“ aufgezeigt habe, standen die antiken „Heiler“ – die Vorfahren von (der Einfachheit männliche Form) Ärzten, Pharmazeuten, Richtern, Pädagogen, Dichtern, Sängern, Schauspielern, … „weisen“ Männern und Frauen eben – immer jenseits der Geschlechterzweiheit. Manche leben asketisch, zölibatär. Andere „verbinden“ sich nur mit Gleichen und schaffen so „Ganzheit“ (d. h. Überwindung der „EntZWEIung“). Von dem blinden hellenischen „Seher“ Teiresias heißt es, dass er die eine Hälfte seines Daseins als Mann, die andere als Frau gelebt hat; darum ranken sich etliche Legenden – aber vielleicht waren es auch nur klimakterielle Hormonveränderungen und damit Balance, wer weiß.

Ich interpretiere den biblischen „Sündenfall“ als Herausfallen aus der „paradiesischen“ „Einheit in Gott“ (Freud meinte: Mutterleib) in die zwei-geteilte Welt mit Gut und Böse, Hell und Dunkel, Gesund und Krank … und auch zwei Geschlechter (die dann immer wieder das jeweils andere als gut oder besser oder minderwertiger fantasieren und weitere Variationen ohne nachzudenken als krank oder defekt abwerten; dabei geht es jedoch primär um die Bewahrung der eigenen „Einordnung“ in einer zwanghaft nur hierarchisch gedachten, weil von klein auf so erlebten Gesellschaft bzw. der Angst, an den Rand oder hinaus gedrängt zu werden („Wenn du nicht brav bist, kommst du ins Heim …“) und das ist berechtigte Angst vor Gewalt!).

Es zeigt beschränktes Denken, nur „entweder – oder“ zu kennen und kein „sowohl – als auch“ oder noch größere Gedankensprünge oder Ganzheitsgedanken.

In 1 Mose 1,27 heißt es: „Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde … und schuf sie als Mann und Frau“. Das Wort „entweder“ habe ich dabei nicht gefunden!

Das ist meine Übersetzung – andere übersetzen anders … denn wie ich in meinem Buch „Sexuelle Reformation“ (unter Berufung auf Umberto Eco – manchmal braucht man ja Unterstützung, wenn man sich weit hinauslehnt …) aufgezeigt habe, zeigt sich in Übersetzungen der jeweilige Konservativismus – oder der Blick über den Tellerrand, die Kritikfähigkeit, aber auch der jeweilige Zeitgeist …

Ich meine: In der Geschlechtlichkeit bietet sich die Herausforderung des Liebens – was auch bedeutet, das Göttliche im anderen zu entdecken, gerade dann, wenn es anders ist als man selbst (und Gott ist ja Liebe, vgl. 1 Joh 4,16) – und damit der Überwindung von Gedankengewalt.