Genderwahn

Manche sehr konservative Menschen reagieren impulsiv abwehrend, wenn sie mit neuen Sichtweisen konfrontiert sind. In der Sprache des Volksmundes heißt es dann „Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht“ – und derartige Vorsicht ist ja auch durchaus sinnvoll und klug.

Solch eine neue Sprachsensibilität besteht z. B. auch darin, zwischen (englisch) Sex – dem biologischen Geschlecht – und Gender – dem sozialen, durch Gesellschaft (vor allem Erziehung) und Kultur geprägten Geschlecht – zu unterscheiden, nämlich dort, wo es wichtig ist. Das ist es nicht überall. Wichtig ist es dort, wo Vorurteile dazu führen, dass Angehörige eines Geschlechts ohne sachlichen Grund gegenüber Angehörigen eines anderen (denn ob man nur zwei kennt oder drei oder vier ist auch kulturspezifisch verschieden) diskriminiert werden. Vielfach sind es Männer, die sich gegen die Aufdeckung von Benachteiligungen von Frauen mit dem Wort, das wäre praktizierter Genderwahn, wehren – dabei sind sie es, die mit diesem Wort Nachdenken und Überprüfung vermeiden und damit zeigen, dass sie selbst dem sogenannten „Genderwahn“ anheim gefallen sind.

Manchmal ist das Neue aber etwas Uraltes – nur braucht es historisches Wissen, das länger als hundert Jahre zurück reicht, um das zu erkennen. Aktuelles Beispiel: Der stellvertretende Landeshauptmann von Oberösterreich, Manfred Haimbuchner (FPÖ) wettert gegen eine „gegenderte Bibel“ (www.krone.at/600803/), in der „Söhne Gottes“ auf „Kinder Gottes“ umformuliert wurde oder „Mann“ auf „Mensch“ und sogar eine Apostelin auftaucht.

Als ich – so wie Dr. Haimbuchner – noch „nur“ Juristin war, hätte mich das vielleicht auch verwundert. Als ich mit meinen Sprachforschungen begann (1986 psychotherapeutisch, akademisch 1995 an der Universität Salzburg), erkannte ich, wie eigentlich sinnverwirrend Kreuzworträtsel sind – wenn nämlich Ersatzworte gesucht werden, die aber ganz etwas anderes bedeuten. Zorn beispielsweise ist zielgerichtet im Gegensatz zu Wut, und Rage ist überhaupt „fassungslos“, d. h. alle Grenzen überschreitend.

Nunmehr als „studierte“ Theologin, die in den fünf Jahren Vollstudium auch Hebräisch lernen musste (in Altgriechisch habe ich am humanistischen Gymnasium maturiert), weiß ich nicht nur aus den Vorlesungen zum Neuen Testament wie auch aus der Kirchengeschichte (die logischerweise viel umfassender sind als die im Jusstudium), dass es tatsächlich Frauen gab, die als Apostelin bezeichnet wurden, sondern auch wie viele Übersetzungsmöglichkeiten in den Urtexten stecken – und wie sehr es von der jeweiligen Übersetzerpersönlichkeit abhängt, welche Inhalte sie entweder nicht wahrnimmt oder auch bewusst unter den Tisch fallen lässt. Deswegen habe ich ja auch in meinem Buch „Sexuelle Reformation“ Umberto Eco zitiert, der aufzeigt, wie sehr dolmetschende Interpretationen vom jeweiligen Zeitgeist beeinflusst sind, und habe in diesem Sinne einige eigene Übersetzungen den „gewohnten“ gegenüber gestellt.

„Adam“ beispielsweise ist kein Name, sondern heißt „Erdling“ (geschlechtsneutral) von „adama“, die Ackererde. Und „sela“ heißt nicht eigentlich „Rippe“ sondern „Seite“ – Gott halbiert also den Erdling in zwei Hälften, damit die beiden Teile einander helfen sollen. Das hat schon Luther so übersetzt, und auch bei Pinchas Lapide („Ist die Bibel richtig übersetzt?“) kann man das und viele andere Beispiele nachlesen. Mit „gendern“ hat das wenig zu tun, sondern mit dem Bemühen, uralte Beschränktheiten infolge des ehemaligen Zeitgeists dem gegenwärtigen Wissenschaftsstand gemäß zu erweitern.