Folterpflege

Halt! Gewalt!

1989 war es, als die Enttarnung der sogenannten „Todesengel von Lainz“ für Schock und Entsetzen sorgten: Vier Hilfspflegerinnen (damals noch Hilfsschwester geheißen) hatten ihnen lästige Patient_innen mit Überdosen von Rohypnol oder Insulin vergiftet oder mit einer Form von Waterboarding, die sie „Mundpflege“ nannten, erstickt. Aufgeflogen war der Skandal, weil ein Arzt zufällig mitgehört hatte, wie sich die Täterinnen mit ihren Morden brüsteten.

Abgesehen von den Strafprozessen wurde damals als Konsequenz von dem leider viel zu früh verstorbenen Chefarzt des Psychosozialen Dienstes Stefan Rudas ein flächendeckendes Supervisionsangebot für die Wiener Krankenanstalten aufgebaut. Ich war damals auch von Anfang an mit im Team. Die Aufgabe lautete: Vor allem die Krankenpflegepersonen, aber auch andere Angehörige der in den Spitälern und Pflegeeinrichtungen tätigen Gesundheitsberufe sollten ihre Gefühle gegenüber den ihnen Anvertrauten reflektieren, verstehe und verändern können.

Nun ist ein ähnliches Fehlverhalten von Pflegepersonen in Niederösterreich publik geworden: sadistische Praktiken gegenüber hochgradig Pflegebedürftigen, die sich nicht mehr verständigen konnten.

In den Medien wurde dies mit dem Etikett „kriminelle Energie“ versehen.

Ja, so kann man das auch interpretieren. Aus meiner Sicht ist dies aber ein zu oberflächliches Einordnen in den Bereich des Strafrechts.

Es fehlt dabei der Hinblick auf die ursächliche Psychodynamik – und die wurzelt zuerst in Hilflosigkeit und Wut.

  • Hilflosigkeit, weil „es“ nicht so läuft, wie man es sich idealerweise vorgestellt hat.
  • Wut, weil man in der Bewältigung der Aufgabe versagt.
  • Zielgerichteter Zorn auf die Person, die man als „daran schuld“ identifiziert. Und die nun bestraft werden muss.

Er tritt auf bei der Misshandlung von Babys und Kleinkindern, die geschüttelt, geprügelt oder an die Wand geworfen werden; sie findet sich in Gattenmisshandlungen; sie taucht gelegentlich auch in Übergriffen von Lehr-Erziehungspersonen auf, im Sport, beim Bundesheer … Ich kenne viele solche Fälle aus meiner über 40jährigen psychotherapeutischen wie auch Supervisionspraxis.

Zu glauben, es läge nur an mangelhafter Ausbildung und Supervision, um solche Sadismen zu vermeiden, bewerte ich als zu gutgläubig. Beide „Trainings“ zielen auf gedankliche Gefühls- und Verhaltenskontrolle. Das geht aber tiefenpsychologisch nicht weit genug in die Biographie hinab: Das Muster, das in eigenen analogen Lebenssituationen erworben wurde und wiederholt wird, lautet nämlich „Wer Ärger macht, muss bestraft werden!“

Mir sagte z. B. einmal eine Krankenschwester, grinsend: „Wenn mir der Patient X. auf die Nerven geht, schneide ich ihm die Finger- und Zehennägel so, dass das Blut austritt, haha!“ Und dann experimentiert man weiter … weil es ja so leicht geht.

Eine große Anzahl von Menschen befürwortet das Recht, lästige Personen – egal wie jung, alt, unwissend, krank oder selbstbehauptend – brutal oder grausam zu bestrafen.

Wer sich diesem „Stil“ schon von klein auf unterwerfen musste, findet das meist ganz „normal“ – nämlich der eigenen Familiennorm entsprechend.

Erst wenn man das seinerzeitige eigene Leiden nochmal durchlebt und als das anerkennt, was es ist – und zwar die Zerstörung des natürlichen Gefühls für Gut und Böse – wird man diesen „Fluch“ des Wiederholungszwangs (d. h. anderen das anzutun, was einem selbst angetan wurde) los. Das liegt dann aber nicht im Bereich von Supervision sondern von Psychotherapie.

Man müsste also vor Berufsausbildung oder Berufsantritt Eignungstests durchführen. Das kostet Zeit und Geld. (Kontrollen übrigens auch.)

Und es ist – wie alle Tests – nur eine Augenblicksaufnahme.

Leben bringt immer wieder Veränderungen und manche sind prägend.

Was ich aus vielen Unterrichtseinheiten und dabei Einzelsupervisionen „am Rande“ weiß, ist, dass überproportional viele Pflegerinnen in familiären Gewaltbeziehungen leben. Viele schweigen darüber – aus Scham und aus Angst. Und auch weil sie wissen, welche Folgen sie zu gewärtigen hätten, wenn sie sich outen. So bleibt es beim Tabu – und kann ausufern.

Gegen Gewalt hilft aber nur öffentlich machen, aussprechen – und die grundlegende Dynamik zu verstehen versuchen.