Etikettierungen

Da sah ich soeben in den heutigen „Seitenblicken“ eine Reportage aus einer Volksschule in Berndorf, wobei anlässlich der Theaterpremiere von „Der Gott des Gemetzels geht in die Schule“ die lieben Kleinen gefragt wurden, was das Ärgste gewesen wäre, das sie daheim angestellt hätten, und ein blondlockiger Knabe sagte nach kurzem Nachdenken: „Daheim, bin ich meistens brav!“, worauf die Redakteurin – vermutlich „verschmitzt“ gemeint – antwortete „Gelt, Du bist schon ein guter Lügner!“ (Zumindest habe ich den Wortlaut so in Erinnerung – der Sinn stimmt aber jedenfalls. Das schreibe ich, weil heutzutage offenbar nicht mehr genügt „meines Wissens“ beizufügen, wenn man einen Vorbehalt ausdrücken will – zumindest ist es Sebastian Kurz so gegangen, der mit dieser Beifügung eine mögliche Fehlinformation, dass der Bautycoon Haselsteiner die SPÖ mit € 100.000,–  unterstützt hätte, im den Raum gestellt hat – für mich als Sprachforscherin eine klare Kritikvorwegnahme, nur die konkrete Richterschaft hat das offensichtlich nicht so gesehen – oder nicht einmal gesehen – und damit eine Wiederholung dieser Aussage untersagt.)

Als ich diesen Satz hörte, war ich entsetzt: Wie kommt die fremde Frau dazu, den Buben als Lügner zu „definieren“! Noch dazu im Fernsehen – wo vermutlich halb Berndorf zusieht. Der renommierte Soziologe Norbert Elias hat in seinem Buch „Etablierte und Außenseiter“ bereits darauf hingewiesen, wenn man einer Gruppe einen schlechten Namen gäbe, würde sie ihm quasi als selbsterfüllende Prophezeiung folgen. Deswegen sollte man aufpassen, wenn man jemand „benennt“ – denn Namensgebung hat Wirkkraft.

Unter befreundeten Erwachsenen kann sowas vielleicht noch als Neckerei durchgehen – aber nicht gegenüber einem Einzelnen inmitten einer Kindergruppe. Das ist fast schon Einladung zu Mobbing – oder Bullying wie diese Aufsässigkeiten heißen, wenn sie unter Schülern erfolgen.

Alle, denen schon einmal ein unerwünschter Spitzname verpasst wurde, wissen, wie sehr einem die Schamröte ins Gesicht steigt, wenn man solch ein Etikett immer wieder neu angeheftet bekommt. Auch wenn sich dann die Ehefrau oder Ehemann als ahnungslos verteidigen, wenn sie ihren Partner  oder ihre Partnerin öffentlich mit „Baby“, „Bärli“ oder gar  „Stinkerle“ apostrophieren – es ist genau so ein verbaler Übergriff wie die angeblichen Tierbezeichnungen als Kosenamen. In meinem Buch „Madonna UND Hure“ habe ich geschrieben: Frauen, die man(n) bewundert, bekommen dann Bezeichnungen von  wilden Tieren – solchen, die man(n) jagt: Löwin, Gazelle, Hase, Taube … Frauen hingegen, die einem nichts wert sind, bekommen die Namen von Schlachttieren: Kuh, Sau, Ziege.

Echte Kosenamen hingegen gehören in Kosesituationen – aber die sollten privat und intim bleiben (außer man will öffentlich miteinander oder übereinander triumphieren und auch da braucht es die Ehrlichkeit, derartige Machtdemonstrationen einzubremsen).