Ein Mann sieht rot

Halt! Gewalt!

Der von mir – wegen seiner vorbildlichen Art in Anwesenheit der Delinquenten voll Respekt seine Gutachten zu referieren – sehr geschätzte Gerichtspsychiater Reinhard Haller – in der Zeitung Kurier von heute zum „Kriminalexperten“ erhöht obwohl er kein Jurist ist – erklärt den Amoklauf des 27jährigen, der „nach einem Streit“ mit seiner Freundin eine Waffe aus dem Auto geholt und wild in die Besuchermenge der Nenzinger Bikerparty geschossen und zwei Menschen getötet und etliche schwer verletzt hatte, mit „Kränkung“ (dazu hat er ja auch sein jüngstes Buch verfasst) und „Ärger“. Und er verwendet den Begriff „das Abnorme“.

Ich finde diese Formulierungen in die Irre führend.

So abnorm ist blinde Wut leider nicht – das zeigen die vielen „blindwütigen“ Kindesmisshandlungen, Rachevergewaltigungen oder auch Folter als Strafe für „mangelnden Gehorsam“. Denn auch wenn Selbstbeherrschung als Norm vorgegeben wird, ist sie doch nur ein Ideal, für das Vorbilder und Anleitungen fehlen.

Aus einer interdisziplinären Sicht (die beispielsweise Anthropologie, Soziologie, Sozialgeschichte, Kriminologie, Neurobiologie, Medienforschung und Psychoanalyse umfasst) erfordern gewaltverzichtende Verhaltensweisen propagierte, eingeübte und „belobigte“ Modelle – vor allem auch in den allgegenwärtigen audiovisuellen Medien. Dort aber machen sich immer mehr Hassäußerungen als Motiv für Konfliktbewältigung und Vernichtungshandlungen breit.

Geht man auf den Beginn solch einer Wuthandlung zurück, findet man aus interdisziplinärer Sicht die Unfähigkeit, Hochstresserregung anders als durch Ausagieren zu bewältigen. Das kann man aber lernen.

Alles, was wir „können“ haben wir „erlernt“ – nämlich als Erfahrungen, Erinnerungen, Fähigkeiten, Gefühle in Nervenzellen eingespeichert und miteinander verbunden.

Dazu gehörte vor allem auch die Selbsterfahrung, wie wir uns kampfbereit machen und wie man diesen Energiezuwachs wieder „zurück speist“ (wie Elektriker sagen würden). Dieses Wissen fehlt fast allen. Und dazu noch braucht man oft einen „Beistand“, der dabei hilft. Aber auch der oder die muss das erst lernen – denn das ist etwas anderes als Streitschlichtung oder Mediation.

Deshalb fordere ich in meiner u. a. Eigenschaft als Pädagogikprofessorin schon seit gut dreißig Jahren Information über „innere“ wie „äußere“ Hochstresswahrnehmung im Biologieunterricht der Unterstufen, verbale Deeskalationstechniken (dazu gehören vor allem Auto- wie Fremdsuggestionen) im Sprachunterricht und physiologische Deeskalationstechniken in den „Leibeserziehungen“ (die leider auf „Bewegung und Sport“ umgetauft wurden und damit einseitige Ziele im Auge haben).

Nur wenn man schon im Ansatz erkennt, wann und wie sich Gewalt aufzubauen beginnt, kann man sich selbst aber auch andere zur Friedfertigkeit anleiten.

Was man dazu aber auch benötigt, sind Vorbilder und gesellschaftliche Anerkennung für vorgelebten Gewaltverzicht. Ich habe schon vor Jahren dazu ein ausgeklügeltes Konzept erstellt – vielleicht ziehen die neuen Minister_innen unsere Fernsehanstalten zur Verwirklichung heran.