Der politische Mord

Halt! Gewalt!

Nach dem Mord an der britischen Labour-Abgeordneten und Brexit-Gegnerin Joanne Cox wird gerätselt, ob der „Britannien zuerst!“- Ruf des Mörders drauf schließen lässt, dass dieser ein Werkzeug der gleichnamigen Politgruppe sei. Fanatiker hat es immer schon gegeben – und manche hielten sich für ein auserwähltes Werkzeug Gottes, was auch immer sie unter Gott verstanden haben mögen. Vielleicht nur ihren inneren Zwang.

So berichtete auch der Bruder des verhafteten Mörders von dessen langwährenden psychischen Problemen. Dennoch erkennen wir bei diesen Überlegungen das Denkmuster, eine einzige Ursache für solch eine Untat zu suchen, zumindest aber Auslöser in der Vergangenheit. Würden wir diese erkennen, so wähnen wir, könnten wir uns schützen.

Aber das können wir nicht. Leider.

Der amerikanische Historiker Franklin L. Ford schreibt in seinem Buch „Der politische Mord“ (1985): „Die häufige Feststellung, dass ,des einen Terrorist des anderen Freiheitskämpfer ist‘ “  – sie bezieht sich auf ein Bonmot von Blaise Pascal (1623–1662) – „ist insofern nichtssagend, als praktisch alle Exponenten der politischen Gewalt ihre Bewunderer haben. Sie ist jedoch geradezu irreführend, wenn damit gemeint ist, dass alle Terroristen gleich sind  und dass ein Unterschied zwischen ihnen nur in den Augen des Beobachters existiert. Wie unbegründet eine solche Behauptung ist, zeigt der Unterschied zwischen den militanten Aktivisten, die nach dem altbekannten Trommelschlag des Patriotismus marschieren und denjenigen, deren Hauptangriffsziel die eigene Regierung und die Gesellschaft ist, die sie repräsentiert.“

Aus tiefenpsychologischer Sicht zeigt sich immer die Projektion von Hassgefühlen auf eine Vater- oder Mutterfigur, die für das eigene Elend verantwortlich gemacht wird und die Phantasie, man müsse die Gesellschaft von gefährlichen Tyrannen oder auch nur Verführern reinigen. Je attraktiver und begeisternder Politiker wirken, desto eher eigenen sie sich für solche Zuschreibungen – besonders wenn sie Frauen sind.

Was uns zu bedenken geben sollte, ist die Sichtweise – es gibt auch viele andere – dass immer mehr Menschen, wenn ihre Phantasie von heiler Welt gestört, zerstört erscheint, selbst zu Zerstörern werden. Ich denke, hier fehlt Dialog, was auch bedeutet, von Person zu Person Aufmerksamkeits- und Wertschätzungsenergie zu spenden und beizustehen, die Realität einerseits auszuhalten, andererseits mit prosozialen Mitteln zu verändern.