Das Tier im Mann

„Sind alle Männer Tiere?“ titelt profil diese Woche. Ja freilich, antworte ich – und Frauen auch. Wir alle haben ein Stammhirn und darin wurzelt das Erbe unserer animalischen Vorfahren. Sigmund Freud sprach vom (getriebenen bzw. triebhaften) „Es“ – und wer kennt sie nicht, diese Triebdurchbrüche, wenn man(n) oder frau sich beim Fressen, Saufen, Raufen oder Ficken nicht zurückhalten will.

Es geht bloß um den Willen, sich an Zivilisationsregeln zu halten – alle anderen Rechtfertigungsversuche stammen aus der kreativen Argumentationskunst von Rechtsanwälten. Dazu zählen auch diagnostische „Erfindungen“ wie die Multiple Persönlichkeit oder das Prämenstruelle Syndrom (vgl. Anne Fausto Sterling, „Gefangene des Geschlechts“). Beide entstammen der angloamerikanischen Gerichtssphäre und retteten erstmals des Mordes Angeklagte vor extremen Härteurteilen, bis sie freudige Nachahmungen fanden. Bei uns herrscht – noch – ein anderes, restriktiveres Rechtssystem, und das finde ich gut – auch wenn es Bemühungen in Richtung „Deals“ gibt (z. B. gibt man in den USA oft ein geringer bestraftes Delikt zu und erspart sich „im Tausch“ die Verfolgung der gravierenderen Untat). Solche Deals – denen auch das Prinzip der Mediation folgt – erfordern allerdings, dass man eben das Großhirndenken beherrscht und nicht nur das Stammhirndenken. Genau deswegen holen sich ja viele „Affekt-Täter“ den akademisch gebildeten Rechtsbeistand als Mit-, Nach- und Vordenker.

Im Großhirn – dem jüngsten Bereich des menschlichen Gehirns – ist nicht nur unser Sprachvermögen beheimatet, sondern auch die Fähigkeit in die Zukunft zu denken – also auch Folgen (zumindest für sich selbst – denn Mitgefühl und Empathie muss ja auch erst im Vorbildlernen verinnerlicht werden) abzuschätzen. Üblicherweise kann man das erst so mit etwa 15 Jahren wirklich gut, deswegen ist hier auch die Strafmündigkeit angesetzt. Aber um etwas zu „können“ (d. h. erlernt und im Nervengeflecht verankert zu haben), braucht man Vorbilder, Übung und Anerkennung von den Menschen, denen man imponieren will – sonst ist man kaum motiviert.

Meist unbewusste Vorbilder sind es, denen jemand nacheifert, und die stammen heute mehr aus dem Fernsehen oder anderen virtuellen Medien, als aus dem sozial erfolgreichen Alltagsleben. Wir alle gestalten unser Verhalten danach, als wer wir wahrgenommen werden wollen – ob als Pretty Woman oder als Karrierefrau ohne Sexsignale, ob als Primitivmacho (es gibt nämlich auch andere!) oder als Grandseigneur, oder vielleicht doch „situationselastisch“ in der Mitte der Bandbreite – und regen uns auf, wenn wir damit nur in einer bestimmten Subkultur ankommen, in anderen, gegenteiligen aber nicht.

Vor Jahren hat mich ein Ex-Klient gefragt, ob denn die Bauchfrei-Mode nicht bedeute, dass Frauen genau dort gestreichelt werden wollten – seine Frau habe dies nämlich empört abgestritten. Ich gab ihr Recht – es sei nur eine VerKLEIDung, von Bühnenauftritten abgesehen, daher halt nicht sehr alltagstauglich. „Aber jeder Hund wolle doch gestreichelt werden, wenn er den Bauch darbiete!“, insistierte der Mann. Ich antwortete trocken: „Falls Sie es noch nicht bemerkt haben – Frauen sind keine Hunde!“ Daran musste ich denken, als ich heute im Fortbildungsangebot für PsychotherapeutInnen ein Seminar mit dem Titel „… und dann, wenn er mich anwedelt, geht mir das Herz auf – Tiergestützte Psychotherapie“ entdeckte. Frauen unterscheiden zwischen viehischem und ehrbarem Verhalten – auch wenn es manche Drehbuchautoren anders erdichten.