Bravos

Ein Bravo ist ein gedungener Meuchelmörder. Sparafucile in Verdis „Rigoletto“ ist beispielsweise einer. Dass sich Rigolettos Tochter Gilda, als Mann verkleidet, für ihren Geliebten, den sexbesessenen Herzog von Mantua, opfert, konnte der pflichtbewusste Auftragsmörder zwar nicht ahnen – daher hat er seinen Auftrag verfehlt. Die Untat bleibt ihm dennoch zur Last – aber die Hauptschuld trifft den rachsüchtigen Vater, dessen „Erfüllungsgehilfe“ er war.

Um mein Gedächtnis zu stützen, sah ich bei „Dr. Google“ nach – und dort war es gar nicht so leicht, zum Phänomen Bravo zu gelangen – zu sehr dominieren die Eintragungen zum gleichnamigen Jugendmagazin. Was beide eint, ist die Zustimmung – denn der Bravo-Ruf bedeutet ja auch, dass jemand Männlicher (die weibliche Form wäre brava) etwas gut gemacht hat.

Diese Assoziationen hatte ich, als ich soeben wieder einen „Kontrast-Blog“ zugemailt erhielt. Der stammt aus dem SPÖ-Parlamentsklub und befleißigt sich im Verteilen von Medientexten wie auch Originalbeiträgen, die vor allem darauf hin zielen ÖVP und FPÖ zu „meucheln“. Im Vorstellungsmail der – Eigendefinition – „ExpertInnen des SPÖ-Parlamentsklubs“ vom 26. 11. 2016 hieß es, sie wollten eine „Öffentlichkeit für progressive Sichtweisen abseits des medialen Mainstreams“ schaffen – und abseitig von neutraler Seriosität sind manche dieser Texte auch, wie ich bereits im Mai 2017 kritisch anmerkte – aber noch nicht bemerkt hatte, dass dieser Blog vor allem der Abwertung der politischen Mitbewerber dienen sollte. Also Intensivwahlkampf bereits seit November 2016. Vermutlich bin ich naiv, wenn ich der Meinung bin, dass Mitarbeiter eines Parlamentsklubs sich deklariert nur der parlamentarischen Unterstützung ihrer Abgeordneten widmen sollten … und nicht der Parteiarbeit (reden und diskutieren in Arbeitspausen ist schon OK, das tun wir ja alle, aber arbeitsfremde Schreibarbeit geht zu weit, das würde ich z.B. verweigern und in meine Freizeit verlegen und Bezahlung einfordern – so wie ich mich auch in meiner Zeit als SPÖ-Mandatarin geweigert habe, in der von mir geleiteten Familienberatungsstelle Rote Nelken (aus Krepp-Papier) zu verkaufen, als „Anerkennung, dass die SPÖ diese Beratungsstellen möglich gemacht hat“).

Im zitierten Vorstellungsmail zeichnete übrigens noch die SPÖ Bundesorganisation als Herausgeber im Impressum – aber nicht lange.

Der letzte der vielen heutigen Kontrast-Blogs benörgelt – „progressiv“? – dass die designierte ÖVP-Behindertensprecherin und Tiroler Spitzenkandidatin Kira Grünberg dem Standard keine Interviews gäbe, um in Folge über subjektiven Eindrücke von mangelnder Fach-Kompetenz einen Bogen zu drohendem Sozialabbau zu produzieren. Der Einwand, sie wäre erst in Schulung und Einarbeitung, wird auch negativ vermerkt (während MinisterInnen üblicherweise 100 Tage dafür zugestanden werden). Offensichtlich gilt Betroffenen-Kompetenz – für deren Anerkennung ich schon in den 1970er Jahren gekämpft habe – dem oder der AutorIn (aus dem Namen ist das Geschlecht nicht erkennbar – aber eh egal) wenig.  Oder er bzw. sie kennt diesen Fachausdruck nicht, der darauf hinweist, dass diejenigen, die physisches, psychisches, soziales oder auch finanzielles Leid selbst erleben eine gleichwertige Kompetenz besitzen wie theoretisch bestausgebildete Regierende, die selbst dann auf ihren Expertenstab angewiesen sind.

Wenn ich Coach von Frau Grünberg wäre, würde ich ihr aber auch raten, sich nicht schon bevor sie tatsächlich gewählt ist, einem Interview-Stress auszusetzen, der ihr Kraft kosten würde (Wahlkampf ist anstrengende genug!), sondern sich auf ihre Rehabilitation zu konzentrieren. Ich habe ja selbst in den 1990er Jahren sehr viel für die AUVA, auch in Bad Häring, gearbeitet und weiß, wieviel Kraft jeder kleinste Erfolgsschritt bringt – und ich weiß aus eigener Erfahrung, wie sehr das „Löchern“ sogenannter Enthüllungsjournalisten (und sehnt sich nicht jede/r in diesem Berufsfeld nach der einzigartigen „Story“ – wie ich von meinem verstorbenen Journalisten-Ehemann und dessen Freunden weiß) die Gesundheit schädigt? Deswegen werden ja viele auf „Feinde“ angesetzt! Denn: Wie wir alle wissen und derzeit ultimativ getoppt erleben: „Only bad news are good news“.