Beleidigt sein

Peter Pilz wurde vor allem medial vorgeworfen, er wäre beleidigt, weil er nicht auf den von ihm beanspruchten vierten Platz sondern „nur“ auf den sechsten der konkreten „grünen“ Nationalratsliste „basisdemokratisch“ gewählt wurde. So habe ich ihn allerdings im TV bei seiner quasi Abschiedsrede nicht wahrgenommen, eher schnell gefasst und mit Humor parierend.

Üblicherweise projiziert eine (nicht psychoanalysierte, daher eigene Seelenanteile nicht unmittelbar wahrnehmende) Beobachterschaft ihre eigenen gewohnten Reaktionsweisen auf andere: Dort, wo sie selbst beleidigt wären, unterstellen sie das den anderen.  Beleidigt sein ist aber etwas anderes als eine „narzisstische Kränkung“. Überhaupt wird gegenwärtig Narzissmus gerne mit Eitelkeit gleichgesetzt – besonders von Kritikern und Spöttern, die selbst als hoch narzisstisch auffallen – aber das ist nicht korrekt. In der psychotherapeutischen Diagnostik unterscheiden wir zwischen dem „gesunden Narzissmus“ – wenn etwa ein Kleinkind stolz zur Mutter schaut, wenn es erstmals eine Leistung vollbracht hat – und dem Narzissmus als Persönlichkeitsstörung. Diese hat aber immer eine Historie von Abwertungen, Übergangen-worden-sein, Diskriminierungen und sogar Verleumdungen und Rufmord (alles subtile Formen von Gewalt!), deren Erinnerungsspuren in konkreten Situationen wiederbelebt und meist zu kompensieren versucht werden. Das kann chronisch werden … und führt zu neuerlicher Kritik und Abwertung statt Wertschätzung und Mitgefühl.

Enttäuscht zu werden, ist eine „gesunde“ Reaktion, wenn man auf etwas anderes eingestellt war – z. B. auf Anerkennung von realen Verdiensten. (Aber das verweigern besonders diejenigen, die keine solchen haben.

Ob Pilz auf Grund vorheriger geheimer Absprachen zurück gereiht wurde, entzieht sich meiner Kenntnis – aber dass es so etwas häufig gibt, kenne ich von meinen Politikerklienten, aber auch von mir selbst. Ich wurde in den drei Wahlperioden meiner Bezirksrätinnen- und Landtagskandidatinnenzeit in der zweiten Listenerstellung zwei Sitze zurückgereiht und in der dritten auf den alten Platz wieder vorgereiht, und habe bei der vierten (1987) mitgeteilt, dass ich nicht mehr zur Verfügung stehe. Damals war meine psychoanalytische Praxis bereits so überlaufen, dass ich keine Zeit mehr für die oft kurzfristig anfallenden Bezirksratstätigkeiten aufbringen konnte und wollte, mir waren auch die Intrigen zu blöd geworden, und außerdem hatte ich den „diagnostischen Blick“ erworben und mochte meine Seele nicht mehr von Ignoranten beschmutzen lassen. Die waren sehr enttäuscht – taten zumindest so – dass ich genau dann ausschied als ich in den Wiener Landtag einrücken sollte, und mehr noch ein halbes Jahr später, als ich 1988 durch Ö 3 auf einmal über Favoriten hinaus „berühmt“ geworden war (so wurde mir berichtet). Ich war aber mein ganzes Leben für derartige „Rösselsprünge“ bekannt – und die führen halt oft über die Gatterzäune hinaus.

Ich jedenfalls habe die zitierte Reihung auf den sechsten Platz aus eigener Erfahrung positiv gesehen: Dort wurde ich platziert, als ich 1985 vom Freien Wirtschaftsverband für die Wiener Handelskammerwahl kandidiert wurde. Der FWV hatte damals fünf Sitze und rechnete damit,  den fünften zu verlieren. Der sechste war das „Hoffnungsmandat“ falls man überraschenderweise dazugewinnen sollte. Ich führte damals einen konkreten Wahl-Kampf, nämlich um die gesetzliche Anerkennung der „Psychologischen Berater“ als „vierte Säule der psychosozialen Versorgung“ neben Psychiatern, (universitär, d. h. nur theoretisch ausgebildeten) Psychologen und Psychotherapeuten. Den Kampf haben wir damals gewonnen – den Namen aber verloren. Wir heißen jetzt Lebens- und Sozialberater. (Die genaue Geschichte ist nachlesbar in Günther Bitzer-Gaworniks Sammelband „Lebens- und Sozialberatung in Österreich“, 4. Auflage, Facultas; in den vorherigen 3 hatte man auf mich als Gründungsobfrau „vergessen“ … deswegen habe ich mich in die vierte „hineinreklamiert“ – unaufgeregt und auch nicht beleidigt, aber schon ein bisschen gekränkt. Und diese meine Reaktion ist die, die ich Peter Pilz unterstelle.)