Einträge von Rotraud A. Perner

Mordswut

Er habe aus Wut gehandelt, sagte der 16jährige, dem der brutale Mord an dem 7jährigen Nachbarsmädchen zur Last gelegt wird.

Unabhängig von seinen medial verbreiteten angeblichen Phantasien, eine Mitschülerin erwürgen zu wollen „weil sie so klein ist“ oder seinen jüngeren Bruder zu töten, was ich in meinem nächsten „Brief gegen Gewalt“ thematisieren werde, möchte ich meine Erfahrungen aus über 40 Jahren psycho- und sozialtherapeutischer Arbeit kund tun: Wir sprechen dabei von der „oralen“ „ungerichteten“ Wut des Säuglings (in den 18 Lebensmonaten ab Geburt) gegenüber dem „analen“ „zielgerichteten“ Zorn in den nächsten Lebensjahren, wenn die Muskulatur dazu stark genug geworden ist. Gerät jemand später in Rage, so fällt er oder sie seelisch in den sprachlosen Säuglingszustand zurück – daher müsste die Selbst- oder Fremdaufmerksamkeit genau auf diesen Sprach- (und Denk)verlust gerichtet werden […]

Jede Gewalttat hat eine Geschichte

Der Zeitablauf vom ersten Impuls – oder Gedanken – an Mord, Verletzung, Quälen oder andere Angriffe auf Leib und (auch seelisches) Leben kann unterschiedlich dauern und wird auch nicht immer „bewusst“ – also in der Sprache des „inneren Dialogs“ – wahrgenommen.

Im Affekt überflutet die Kampf- bzw. Vernichtungsenergie den Menschen (in seiner Körper-Seele-Geist-Einheit) so blitzartig und intensiv, dass sich kaum jemand beherrschen kann – außer er oder sie hat das trainiert. Beispielweise beim Erlernen einer östlichen Kampfsportart. Deswegen fordere ich seit Mitte der 1980er Jahre, dass dies in den Turnunterricht – derzeit „Bewegung und Sport“ genannt, ich finde „Leibeserziehung“ viel besser weil umfassender! – aufgenommen werden sollte […]

Rache süß?

Es ist nicht Rache an irgendwem, der einen gemobbt hat – es ist Rache an einem Leben, das einem den Erfolg versagt, der in Film und Fernsehen vorgegaukelt wird (vorausgesetzt man hat die richtigen Freunde, den richtigen Job und kauft die richtigen Produkte). Mobbing, Beschimpfungen, grobe Kritik oder einfach nur Ignoranz – all das kann zum Auslöser werden, wenn das Fass der Demütigungen schon übervoll ist. (Deswegen sollte nachgeforscht werden, ob so etwas in den letzten Tagen vor dem Eklat vorgefallen ist – aber vermutlich wird es abgestritten.) […]

Zuschreibungen

In seinem Buch „Etablierte und Außenseiter“ formulierte der deutsch-britische Soziologieprofessor Norbert Elias (1897–1990), „Gib einer Gruppe einen schlechten Namen und sie wird ihm nachkommen“. Ähnliches zeigt sich auch, wenn man ein Kind andauernd als dumm bezeichnet: Es übernimmt diese „Namensgebung“ und glaubt daran […]

Wegschauen?

Gibt es das wirklich, dass die Mutter nichts gemerkt hat vom Missbrauch ihrer Kinder, fragt mich die Journalistin im Interview. Ja, das gibt es, bestätige ich – und denke dabei an eine Kollegin, auch Psychotherapeutin, die in der Supervision verzweifelt geklagt hat, „Wieso habe ich nichts gemerkt? Warum hat mir meine Tochter erst nach der Scheidung erzählt, was der Vater mit ihr angestellt hat? Ja, da gab es einmal etwas vor vielen Jahren – in der Sommerfrische, mit einem Nachbarskind … aber ich habe seinen Beteuerungen geglaubt … Ich war so fest überzeugt: mein Mann doch nicht! Der tut so was nicht …“ Ich habe damals in etwa gesagt: „Weil es geplante Verbrechen an sich haben, dass sie im Verborgenen geschehen – dass sie versteckt werden – und dass alle, die einen Verdacht äußern, empört als Spinner zurück gewiesen werden …“

Das ist aber nur eine Sichtweise auf diese besondere Form des Nicht-wahrnehmens. Es gibt die Hilflosigkeit gegenüber dem Unvorstellbaren, die Anzeichen falsch deuten lässt […]

Niedrig machen

Am 30. April moderierte Martin Ferdiny in „Mittag in Österreich“ einen Bericht über den tragischen Unfall einer 43jährigen Frau und ihres 45jährigen Freundes. Er sprach von einem „Pärchen“. Auch im Beitrag wurden die zwei als Pärchen bezeichnet. Bei diesem Alter finde ich das unpassend – aber eigentlich ist es das immer: Es verkürzt, verharmlost, verniedlicht, nimmt Ernst. Ich vermute, dieses Klein-machen stammt aus Schlagertexten, in denen Pärchen auf Märchen gereimt wurde, und die sich als Ohrwürmer dauerhaft ins Gedächtnis eingeschlichen haben. Politische Korrektheit wäre angebracht …

Allerdings können zuviel politische Korrektheitsforderungen den Sinn dieser Forderung zuwider laufen […]

Political Correctness

Es ist gut, wenn Parlamentspräsident Sobotka, studierter Historiker, eine Forschungsarbeit zu „belasteter Sprache“ anregt (Kurier, 06.05.2018, S. 5). Ich würde allerdings präzisieren: Es sollte erforscht werden, wer heute – zum Beispiel innerhalb der letzten drei Jahre – wann und zu welchem Anlass solche Ausdrücke des „Neusprech“ aus der NS-Zeit verwendet hat – und auch andere gezielt diskriminierende oder verwirrende, denn diese Methoden der Sprachsuggestion wurden ja zwischenzeitlich perfekt weiterentwickelt. Das hat der langjährige Linzer Wirtschaftsprofessor und NLP-Master Walter Ötsch in seinen Büchern „Haider light“ und dessen Neubearbeitung „Populismus für Anfänger“ klar verständlich aufgezeigt. Sprachbewusste Politiker sind sprach-trainiert – oder „Naturtalente“. Derzeit kann das medienträchtige Spiel mit solchen Sprachbildern exzellent bei Ex-Kanzler Christian Kern, vom Studium her Kommunikationswissenschaftler, beobachtet werden (jüngstes Beispiel: die Regierungsspitze als „russische Pyramide“ – zwei Betrunkene stützen einander – zu bezeichnen) […]

Tabuthema Vergewaltigung

In Indien sind Vergewaltigungen seit 2012 um 60 % angewachsen. (http://orf.at/stories/2434939/2434940/) Und es werden Kinder – nicht nur Kinder – zu Tode vergewaltigt oder gleich getötet. Ein neues Gesetz sieht daher für Vergewaltigungen von Kindern unter 12 Jahren die Todesstrafe vor (bisher gab es maximal nur lebenslange Haft). Das Gesetz sieht vor – aber werden Polizei und die Richterschaft diese „Absichtserklärung“ auch verinnerlichen? Immerhin stehen für die Vergewaltigung und Ermordung der 8jährigen Muslima Asifa Bono 5 hinduistische Männer unter Verdacht, darunter 4 Polizisten und ein Hindupriester. Als Schuldige werden aber das (zwar abgeschaffte dennoch lebendige) Kastenwesen zitiert, das die Diskriminerung von Frauen gestatte, die Vorbilder der Gewalt als angebliche Leidenschaft in Bollywood-Filmen, die Langeweile, Frustration sowie übermäßiger Alkoholkonsum – und ein Männerüberschuss von 37 Millionen. Dass auch dieser mit der verbreiteten Abtreibung weiblicher Föten wie der getarnten Ermordung von Frauen durch „Küchenunfälle“ zusammenhängt, wird verschwiegen […]

Amokfahrten

„Erschieß mich!“ soll der 25jährige Softwareentwickler den Polizisten zugerufen haben, der ihn nach dessen Amokfahrt in Toronto, bei der 10 Menschen getötet und 15 schwer verletzt wurden, gestellt hatte. Ziel „Suicide by cop“? Oder ein Ausbruch jahrelang aufgestauter Aggression – oder Verzweiflung?

Wie so oft melden sich nun ehemalige Schul- bzw. Studienkollegen zu Wort: Der Täter wäre nicht gesellig gewesen, in eine Schule für Menschen „mit besonderen Bedürfnissen“ gegangen, seine Körpersprache hätte auf eine geistige Behinderung schließen lassen … und er hätte beim Gehen vor sich hin miaut […]

Verunglimpfungen

Wertschätzung erkennt man unter anderem daran, dass echtes Engagement, konkreter Einsatz, ernsthaftes Bemühen, auch Anstrengung und Ausdauer anerkannt und positiv bewertet werden – Betonung auf „echt“ und „ernsthaft“. Immerhin gibt es ja auch bloße Lippenbekenntnisse. Wenn sich also George Bush sen. mit der Beschwörung „Read my lips!“ als quasi Eid, es werde keine neue Steuern geben, in der Geschichte verewigt hat, wusste er wohl, weshalb er die Aufmerksamkeit von seinen Augen – bekanntlich die Fenster zur Seele – abgelenkt hat […]