Aussperren

Halt! Gewalt!

In Brüssel haben eine 31jährige Mutter und ihr 21jähriger Partner ihren 6jährigen Buben 15 Stunden – von 5 h früh bis 20 h abends – bei eiskaltem Wetter auf dem Balkon ausgesperrt, lese ich soeben in orf online. Der Knabe war bereits ohnmächtig, unterkühlt, unterernährt und in Lebensgefahr. Dennoch wurden beide nur wegen Folter angezeigt, hieß es da, aber allein der Mann sei geständig.

Ich überlege: Viele Menschen sehen es als zulässige Form von Strafe an, „ungehorsame“ oder „nervende“ Kinder auszusperren. Sie verstehen nicht, dass das Folter sein soll. Bei Folter denken sie an Filmszenen von Marterpfahl und Bastonade (das Dauerschlagen der Fußsohlen mit dünnen Gerten), vielleicht noch an Waterboarding (simuliertes Ertränken) – aber sie denken nicht an Nahrungsentzug oder das Aussetzen in enormer Hitze oder Kälte, vor allem aber Einsamkeit. Isolation. „Niemand reagiert auf dich.“ und „Niemand wird dir helfen!“

Wie ich meinem Buch „Der einsame Mensch“ nachgewiesen habe, ist das Ausstoßen aus der sozialen Gemeinschaft das Ärgste, was man einem Menschen antun kann: Die mildeste Form in der Antike war die Verbannung weitab, wo man niemand kannte, vor allem die Sprache nicht – und die härteste war das für vogelfrei erklären, was jedermann erlaubte, den Ausgestoßenen zu töten.  (2017 gedenken wir des Beginns der Reformation – und dazu gehört auch die Erinnerung, dass Martin Luther 1521 am Reichstag zu Worms vogelfrei erklärt wurde und nur dank der List seines Kurfürsten Friedrich des Weisen geheim entführt und auf der Wartburg versteckt dem geplanten Tod entrinnen konnte.)

Es liegt vermutlich an „Bildungsferne“, dass manche Personen nicht wissen, wie der menschliche Körper funktioniert – und auch nicht, dass seelische Schmerzen im Gehirn genau so verarbeitet werden wie körperliche (nachzulesen in Joachim Bauers Buch „Schmerzgrenze“). Es liegt auch an mangelnder Bildung, dass viele Eltern nicht wissen, dass Kinder nicht mit einem vollständigen Repertoire an Sozialkompetenzen auf die Welt kommen, sondern alles, was wir, die Gesellschaft, von ihnen erwarten und verlangen, erst „lernen“ – das bedeutet: Wahrnehmungs- und Handlungsnervenzellen entwickeln – müssen. Und dass sie dazu Vorbilder brauchen und Anleitungen und Übungsmöglichkeiten und Lob … und das gilt ebenso für Erwachsene, die nur Brutalität erfahren haben und – Strafen. Aber durch Strafen lernt man nichts …

Deswegen fordere ich seit gut 30 Jahren Modell-Spots im TV, am besten NACH Gewaltszenen, in denen alternatives Verhalten aufgezeigt und erklärt wird (und das muss nicht moralinsauer sein!). Und deswegen schreibe ich diese „Briefe gegen Gewalt“. Ich weiß aus tausenden von Beratungs- und Therapiegesprächen, dass Menschen lernfähig und auch lernwillig sind, wenn man ihnen Wissen vermittelt – auf Augenhöhe, nicht von oben herab, denn das ist demütigend. Da steckt das Wort Mut drin – nämlich: Jemand den Mut zu nehmen, zu erkennen, was gut ist und was böse, und ihn zu zwingen, sich dem Bösen zu unterwerfen, denn jemand unterwerfen zu wollen, ist immer böse, auch wenn es als angeblich gut verschleiert wird. Es verkrümmt nämlich das Rückgrat. Es nimmt den Mut zum aufrechten Gang und damit auch zur Aufrichtigkeit.

Deswegen ist es auch wichtig, dass nicht geduldet wird, wenn jemand im Mobbing oder Bullying ausgegrenzt wird. Wenn es einen  Grund gibt und Sinn macht, jemand auszuschließen, muss das klar ausgesprochen und argumentiert werden. Und es muss kontrollierbar sein. Es gehört zum Erwachsensein, Kritik zu ertragen, auch wenn es weh tut. Ein Kind kann das noch nicht – es ist ja seinen Bezugspersonen seelisch und auch körperlich total ausgeliefert. Das ist die elterliche Gewalt. Die pädagogische Herausforderung besteht darin, verrohten, d. h. roh gemachten Menschen die verlorene Liebesfähigkeit wieder zu ermöglichen.

Mich haben übrigens meine Eltern (beide Lehrer!) als Vorschulkind einen halben Tag aus der Wohnung in Laa an der Thaya ausgesperrt, weil ich Karottenbrei nicht essen wollte. Ich saß stundenlang weinend und bettelnd vor dem vollen Teller – ohne Besteck! Wie ein Hund – am Boden vor der Wohnungstür, und niemand  kam vorbei … Erst am Abend kehrte eine Nachbarin, selbst Mutter von drei Kindern, von der Arbeit heim und intervenierte bei meinen Eltern, die mich dann „großzügig“ wieder herein ließen. Wenn ich jetzt daran denke, spüre ich die Verzweiflung von damals noch immer – und das Weinen will wieder in mir aufsteigen. Als ich im Zuge meiner Lehranalyse meine Mutter fragen wollte, weswegen sie damals so grausam gehandelt hatte, stritt sie alles ab. Dabei hatte ich den blauen Emailteller noch – denn Porzellangeschirr auf dem Boden wäre ihr wohl zu riskant gewesen. Meinen Mut und meine Wehrkraft habe ich mir aber erst 30 Jahre später in vielen Analysestunden zurück erobern müssen. Und: Seit etwa zehn Jahren weiß ich, dass ich u. a. auf Karotten in großer Menge allergisch reagiere.