Amokfahrten

„Erschieß mich!“ soll der 25jährige Softwareentwickler den Polizisten zugerufen haben, der ihn nach dessen Amokfahrt in Toronto, bei der 10 Menschen getötet und 15 schwer verletzt wurden, gestellt hatte. Ziel „Suicide by cop“? Oder ein Ausbruch jahrelang aufgestauter Aggression – oder Verzweiflung?

Wie so oft melden sich nun ehemalige Schul- bzw. Studienkollegen zu Wort: Der Täter wäre nicht gesellig gewesen, in eine Schule für Menschen „mit besonderen Bedürfnissen“ gegangen, seine Körpersprache hätte auf eine geistige Behinderung schließen lassen … und er hätte beim Gehen vor sich hin miaut. Letzteres lässt auf ein Tourette-Syndrom schließen, aber das heißt noch lange nicht geistige Behinderung, verweist eher auf erlebte Isolation, weil die meisten Menschen erstens von dieser geheimnisvollen Störung nichts wissen, daher spotten und sich von den damit Behafteten zurück ziehen. Menschen brauchen aber den Austausch mit anderen, brauchen Zuwendung, Anerkennung, wollen ausgehalten werden so wie sie sind. Deswegen mag ich die Formulierung von den „besonderen Bedürfnissen“ nicht – die haben wir doch alle, mal weniger, mal mehr. Ich halte es für richtig, konkrete Diagnosen – sofern sie korrekt erstellt wurden und Bestand haben – auszusprechen und gleichzeitig zu erklären, wie damit umzugehen wäre.

Es gibt viele Ursachen wie auch Auslöser für geplante wie auch spontane Gewalttaten, und ebenso für Gewaltausbrüche von Menschen, die vorher „unauffällig“ waren – was bedeuten kann, dass sie unendlich viele Emotionen zurück gehalten und in sich aufgestaut haben. Sogenannte Amokfahrten werden derzeit Terroristen zugeschrieben, weil sie zu den Kampfmaßnahmen gegen „Ungläubige“ oder andere Feindbilder zählen. Aber genau der Terror, die Angst vor dem unvorhersehbaren Angriff, entspricht oft dem schlummernder Rache – oder anders formuliert: Kompensationsbedürfnis derjenigen, die ihre Umwelt ablehnend und feindlich empfinden und das irgendwann nicht mehr aushalten.

Wenn wir Filme wie „A beautiful mind“ (über den an Schizophrenie erkrankten Nobelpreisträger John Forbes Nash) oder „Rain Man“ (mit Dustin Hoffman als autistischem Rechengenie) sehen, ergreift uns meist Mitleid – Betonung auf Leid – aber im realen Leben braucht es vor allem Kenntnisse und Modelle, um ohne Angst und Hohn respektvoll und gelassen auf Menschen mit seltsamen Verhaltensweisen zu reagieren. Bei allen Amokfahrten oder Amokschießereien ohne terroristischen Hintergrund waren die Täter (meist männlich) sehr wohl durch autistische Züge aufgefallen – und abgelehnt worden. Von George Bach stammt die Formulierung „Je weniger Information desto mehr Aggression“ (und umgekehrt). Aber nicht nur die „anderen“, die möglichen Opfer – und das sind wir alle – sondern auch die potenziellen Täter brauchen Wissen darüber, was sich in einem drinnen abspielt. Deswegen fordere ich seit Jahrzehnten psychiatrische Aufklärung im Biologieunterricht.