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Rückblick


Stich ins Herz

Dr. Manfred Pawlik
2005

Mein Kind ist lebendig und voll Hoffnung und geht in die Schule. Plötzlich werde ich an meinem Arbeitsplatz angerufen. Die Polizei ist am Apparat. " Ihr Kind ist in der Schule von einem anderen mit einem Messer ins Herz gestochen worden. Ich bedaure Ihnen mitteilen zu müssen, es ist im Krankenhaus an den Folgen seiner Verletzung gestorben." oder "Es tut mir leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass Ihr Kind ein anderes in der Schule mit einem Messer verletzt hat. Das andere Kind ist an den Folgen der Verletzung gestorben. Ihr Kind befindet sich in polizeilichem Gewahrsam." Entsetzen erfasst mich, ich bin wie gelähmt, mein Kind ist Opfer, mein Kind ist Täter. Ein Albtraum für jeden Vater, für jede Mutter, wie kann so etwas Schreckliches passieren?

Es ist geschehen, und wir sind glücklich, dass es nicht unser Kind ist, und wir lesen mit Schrecken die Schlagzeilen in den Zeitungen, mit Grauen sehen wir darüber Fernsehberichte. Und wir stellen uns Fragen? Wieso konnte das passieren? Hätte es verhindert werden können? Was können wir tun, um solche Situationen von vornherein zu verhindern? Wenn Gewalt, Gewalt, die wir verurteilen, so zur Wirklichkeit wird, rufen wir nach Fachleuten und Lösungen. Als Familientherapeut bin ich oft mit Gewalt in der Familie, Gewalt unter Jugendlichen, Gewalt in der Partnerschaft, Gewalterfahrungen in Schule und Beruf konfrontiert. Die erste Reaktion auch des Familientherapeuten ist das Erschrecken, die Sprachlosigkeit und das Mitgefühl. Das Wahrnehmen der Gewalt, das Erkennen einer Situation, die zur Gewalt führt ist der erste wichtige Schritt: denn die Geschichte Kevins und des Täters hat eine lange Vorgeschichte. Wir alle haben zu lange weg gesehen, nichts bemerkt, die Eltern, die Lehrer, die Umwelt, bis Gewalt eskaliert, dass es zu so einer massiven Gewalttat kommt. In Leserbriefen im internet schreiben Schulkollegen "Ich gehe ins Gym nebenan. Ich finde es total arg, wass passiert ist! Ein Messer überhaupt in die Schule mitzunehmen ist Gewalt. Gewalt ist keine Lösung und ich hoffe der Täter sieht das irgendwann einmal ein, dass er sein Leben versaut hat." Wer diese Kinder hört, merkt, dass sie schon längst bemerkt haben, und wer seinen Kindern zuhört, merkt oft, dass Gewalt in vielen Schulen in verschiedenster Weise alltäglich ist und wir nur aufmewrksam zuhören müssten.

Unser Trost ist bei den Angehörigen Kevins und mit Hilflosigkeit müssen wir die Reaktion des Schuldirektors von Kevin zur Kenntnis nehmen: "Ich bin mit meinen Nerven fertig. Nicht böse sein, aber mir fällt  dazu im Moment nichts ein. Ist sowieso alles nicht machbar. Aber man darf meiner Meinung nach nicht mehr länger wegschauen vor den Problemen , die auf dem Tisch liegen. Tatsache ist, dass immer mehr erzieherische Aufgaben von den Eltern an die Schulen delegiert werden. Die Schule soll Drogensucht verhindern, familiäre Probleme abfangen, kitten, wenn Kinder nach Trennungen zerrissen sind. Das kann einfach nicht funktionieren." Wir müssten auch auf unsere Lehrer hören. Das Schulsystem kann seinen Aufgaben nicht mehr gerecht werden, aus Überforderung duldet es Gewalt und produziert sie damit auch. Längst schon ist für den Experten klar, dass es in der Schule zu einer Reihe radikaler Sofortmaßnahmen kommen müsste, um die Gewalt in den Schulen zu bekämpfen: Reduktion der Schülerzahlen in den Klassen (maximal 12 Schüler), massive Verstärkung der pädagogischen und gruppendynamischen Ausbildung der Lehrer, verstärkte Supervisionsangebote für Lehrer, massive Erhöhung des Budgets für das Bildungssystem, Eingehen auf die Gefühle und die soziale Situation (z.B. Scheidung der Eltern) der Kinder, Bildung als Charakterbildung, wobei Ansporn, Lob, Anerkennung und Vertrauen Leistungsmotivation schafft, radikale Abkehr vom bisherigen Bildungssystem im Sinne einer Schule als Lebensschule.

Und wir dürfen die Familien nicht allein lassen! Kinder und Eltern müssen oft erst die Chance haben, miteinander leben und reden zu lernen.In der Arbeit mit Familien merke ich als Familientherapeut oft, dass Eltern und Kinder nicht gelernt haben und auch darin nicht unterstützt wurden, die Kinder und auch sich selbst als verletzliche und Anspruch auf persönliche Würde bedachte Menschen zu sehen. Die Gewalt ist oft nicht erst der Schlag ins Gesicht oder die Anwendung von Prügelstrafen, sondern sie beginnt bei der Mißachtung und Lieblosigkeit gegenüber der eigenen Person und den Kindern gegenüber. Kinder, die erlebt haben, dass sie geschätzt werden  und dass das wichtig ist, was sie sich denken, sind aufmerksamer gegenüber Gewalt und sind auch mutig genug, sie zu bezeichnen. Im Spiel lernen Eltern und Kinder, auf sich und den andern zu achten und Ärger  und Meinungsverschiedenheiten auszureden anstatt es in Gewalt überschwappen zu lassen. Wie befreiend ist das Lachen der Kinder beim Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel, egal, ob sie verlieren oder gewinnen. In der Arbeit in der Familienberatungsstelle habe ich gelernt, wenn in der Familie Vertrauen, Verständnis und Liebe füreinander wächst, dass Gewalt keinen Platz mehr hat.


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