2016

Halt! Gewalt!

Gewalt besteht nicht nur im physischen, psychischen, sexuellen, verbalen, finanziellen oder strukturellen feindlichen Agieren, sondern schädigt ebenso wie Ignorieren oder Unterlassen. All das löst Stress oder gar Hochstress aus und diese Stresshormonausschüttungen bleiben im Organismus, sofern sie nicht aus-gedrückt werden: durch Wehrkraft oder Flucht, Kunst oder Sprache. Spontanes Totstellen – Schockstarre – hilft zwar bei Käfern, nicht aber bei Menschen: Die Energie, die im Körper zum Kämpfen / Verteidigen aufgebaut wird, verfestigt sich dann im Inneren und kommt in Symptomen zum Ausdruck, ausgenommen hat man hat sich bewusst in den absolut passiven Zustand begeben und sich selbst im „inneren Dialog“ rehabilitiert.

2016 sehe ich – abgesehen von dem gezielten internationalen Terror, der zu den neuen Formen der Kriegsführung zählt – zwei Gewalt-Phänomene auffällig geworden: einerseits die ausgeuferte Hass-Sprache, andererseits die zunehmenden Fensterstürze von Kindern. Beides bestätigt meinen Präventionsansatz, dass aktive Gewalt und Gewalt durch Vernachlässigung ein Bildungsproblem sind.

Es fehlt nach wie vor die Verwirklichung (m)eines pädagogischen Konzepts, die breite Bevölkerung mit Wissen zu versorgen, wie man eigene wie auch fremde Affekte steuern kann. (Deshalb plane ich ein Buch über das Prinzip der Gewaltprävention.) Das gehört in die Massenmedien, in die Schule, in die außerschulische Jugendarbeit, in die Erwachsenenbildung, in die Seelsorge u.s.w. Und es fehlt die Anleitung zum Denken, Sehen, Spüren.

Denken
Das heißt für mich, viele Reaktionsmöglichkeiten anzudenken und eine gewaltverzichtende Form – nicht eine grob „schlag-fertige“, auch wenn einem das gute Gefühle verschafft – zu wählen, wenn man verbal „angepatzt“ wird. Das gehört m. E. zur Sprachschulung und kann nicht früh genug eingeübt werden. Allerdings müssen das auch fast alle Vorbild-Personen erst lernen … und dazu gehört auch zu erarbeiten, wie man andere motiviert, sich diesem Stil anzuschließen.

Sehen
Das bedeutet für mich, Gefahrenquellen wahrzunehmen und zu beseitigen – beispielsweise die Schließsysteme von Fenstern, Balkontüren aber auch Kühlschränken etc. kindersicher zu machen. Ich erinnere mich mit Grausen, wie einer meiner Söhne mit seinem kleinen dünnen Körper durch die Sicherheitsumrahmung des oberen Stockbettes (einer exquisiten Tischlerarbeit!) gerutscht war und gottlob sofort zu brüllen begann, als er nur mehr mit dem Kopf im Bett hing. Aus Schaden wird man klug – deswegen wäre es sinnvoll, solche Hinweise bereits dem Säuglingswäschepaket beizulegen!

Spüren
Intuition – das Erahnen möglicher Ereignisse – sollte gefördert werden und nicht wie üblich, als „sechster Sinn der Frauen“ verspottet werden (wohl mit dem Hintergedanken, Frauen sollten „naiv“ bleiben und in listig erstellte Sexfallen tappen). Kleine Kinder (und auch Hund und Katze) haben ihn noch und verweigern oft – anscheinend „grundlos“ – Kontakte zu „Giftquellen“ (auch menschlichen). Es gibt jedoch immer einen Grund, auch wenn man ihn nicht gleich erkennen kann, und oft besteht er im Erspüren der chemischen Botenstoffausschüttungen anderer Menschen. Dass diese das dann abstreiten, liegt teils an deren Unbewusstheit, teils an der Abwehr, enttarnt zu werden, und dass viele gleich wütend werden, soll der Hintanhaltung weiterer Entblößungen dienen. „Kindermund tut Wahrheit kund“ … deswegen soll das Kind ja auch gleich mundtot gemacht werden. Und ebenso alle anderen, die wagen, ungeliebte Wahrnehmungen anzusprechen. Deswegen ist so wichtig, zumindest eine respektvolle Sprache zu beherrschen, mit der man Herrschsüchtigen entgegen treten will.